Dr. Ernst Franceschini

Der 1940 geborene Autor ist seit 2002 Präsident der IHK Bonn/Rhein-Sieg. Ernst Franceschini studierte Jura in Wien und Innsbruck. Nach seiner Pro­­motion im Jahr 1962 war er einige Jahre als Rechtsanwalt in Kufstein tätig und ist seit 1972 persönlich haftender Gesellschafter der Grafschafter Kraut­fabrik Josef Schmitz KG.

Information und Telekommunikation als wichtige Leitbranche in der Region



Immer mehr Erwerbstätige verwirklichen sich in den Bereichen IT und Telekommunikation.

Die Region Köln/Bonn gehört durch ihre zentraleuropäische Lage, die gut ausgebaute Infrastruktur und die hohe Lebensqualität zu den führenden Wirt­schaftsregionen in Deutschland. Die In­­­­for­­mations- und Telekom­muni­kations­­branche (ITK) zählt zu den herausragenden Leitbranchen in der Region. Dy­namisch, innovativ, wachstumsstark – so lassen sich Branche und Unter­neh­men charakterisieren. Die Region kann auf eine Vielzahl von führenden Unternehmen im ITK-Bereich sowie ein hohes Niveau wissenschaftlicher Ein­rich­­tungen und Kompetenzträger verweisen. 2004 wurden über 12.700 ITK-Un­ter­nehmen gezählt, die ihren Stand­ort in den IHK-Bezirken Bonn/Rhein-Sieg oder Köln haben. Sie be­­schäftigten 43.000 Menschen und ka­­men auf einen Umsatz von rund 42,7 Milliarden Euro.

 



Insbesondere die Bundesstadt Bonn hat sich zu einem aufstrebenden ITK-Standort in Deutschland entwickelt. Ge­­rade diese Branche war ausschlaggebend für den gelungenen Struktur­­­wan­­del vom ehemaligen Behörden­standort zum innovativen Dienst­leis­tungs­­­stand­ort. Der Branchen­report Infor­­mations- und Telekom­­munika­tions­sektor der IHK Bonn/Rhein-Sieg aus dem Jahre 2005 hat dazu eindrucksvolle Zahlen geliefert: Im Kammerbezirk Bonn/Rhein-Sieg betrug die Zahl der sozialversicher­ungs­­pflichtig Beschäf­tigten im ITK-Sek­tor rund 20.300, davon rund 14.400 Be­­schäftigte im Bonner Stadtgebiet. Mit den darin nicht erfassten freien Mit­arbeitern und den 2.700 mit Nach­rich­ten­über­mittlung beschäftigten Be­­am­ten erhöht sich die Zahl der ITK-Be­schäftigten im Kammerbezirk sogar auf rund 25.000. 2004 waren in Bonn 10,1 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Be­­schäf­tig­­ten in der ITK-Bran­che angestellt, damit erreichte Bonn in Nordrhein-Westfalen den höchsten Wert, gefolgt von Düssel­dorf (9,4 Prozent) und Köln (9,3 Pro­zent). Der IHK-Bezirk Bonn/Rhein-Sieg lag mit einem Wert von 7,6 Prozent deutlich über dem Landesdurchschnitt von 5,3 Prozent. Auch im bundesweiten Vergleich er­­reicht Bonn Spitzen­werte, von den Groß­­städten übertrifft nur München mit 11,6 Prozent den Bon­­ner Wert; Hamburg (8,6 Prozent) und Berlin (5,8 Prozent) bleiben unterhalb des Bonner Ergebnisses.

 

Spitze ist Bonn auch noch auf einem anderen Gebiet. Jede fünfte Beschäftig­te in der Bundesstadt hat einen Hoch­schul­- oder Fachhochschulabschluss. Mit einer Bildungsdichte von 19,36 Pro­zent (Anteil der [Fach]Hochschul­absol­ven­ten an den gesamten sozialversicherungspflichtig Beschäftigten) liegt Bonn deutlich vor dem Bundes- und Landes­durchschnitt (9,83 beziehungsweise 9,26 Prozent). Zu den Top 20 in NRW zäh­­­­len aber auch noch Burscheid (Rhein-Berg), Gummersbach (Oberberg), Köln sowie im Kreis Rhein-Sieg Siegburg, Sankt Augustin und Wachtberg.

 

 




Die globale Geschäftswelt ist ohne
elektronischen Datenverkehr nicht mehr denkbar.

Ohne gut ausgebildete Fachkräfte wäre das Wachstum in der ITK-Region nicht möglich gewesen. Hier ist die ohnehin dichteste Forschungslandschaft Europas sehr gut ausgestattet.

 

An den Universitäten und Fachhoch­schulen der Region wird eine Vielzahl von Studiengängen in den Bereichen Informatik, Softwareentwicklung, Tele­kom­munikation sowie IT/TK-Design an­­geboten. Besonders die universitäre Aus­­bildung mit ihrer Vielzahl an Studien­­möglichkeiten bringt die Absolventen hervor, auf die sich die hier ansässigen Unternehmen bei ihren Entwicklungs- und Expansionsstrategien stützen können. In Fragen der Know-how-Bildung kann die Region neben den Universitäten Bonn und Köln, den Fachhochschulen in Sankt Augustin, Rheinbach sowie im nahen Remagen auf das neu angesiedelte Forschungszentrum caesar (center of advanced european studies and re­­se­arch) und die etablierte Fraunhofer-Ge­­sell­schaft in Sankt Augustin zurückgreifen. Diese Einrichtungen mit zahlreichen ITK-bezogenen Forschungs­projek­ten und ein generell innovationsfreundliches Umfeld bilden den Nähr­boden für manche bahn­brechende Ent­wicklung. So ist es nicht verwunderlich, dass viele bundes- oder gar weltweit beachteten Entwicklung­en, zum Beispiel auf dem Gebiet der Ro­­botik, der virtuellen Realität, des mobilen Arbeitens, der Bioinformatik, der IT-Sicherheit und der elektronischen Si­­g­­naturen sowie der Geoin­for­matik, ih­­re Anfänge im Rhein­land nahmen. Die Hoch­schulen und wissenschaftlichen Ein­­rich­tungen sind dadurch auch immer öfter Ausgangs­punkt für Exis­tenz­grün­der, die aus ihrer Idee ein ei­­genes Un­­ternehmen aufbauen. Mit der Entwick­lung neuer Technologien haben sich aber auch neue Anforderungen für die duale Aus­bildung in Betrieb und Be­­rufsschule er­geben. Hier hat die Ein­­­führung der vier neuen IT-Berufe IT- Sys­tem-Elektroniker/-in, Fachin­for­­ma­tiker/ -in, IT-­System-Kaufmann/-frau und Infor­ma­­tik­­kaufmann/-frau im Jahr 1997 zu­­sätz­liches Fachkräftepotenzial er­­bracht.

 



Die Struktur der Branche ist sehr heterogen: Neben Großunternehmen wie der Deutschen Telekom, T-Com, T-Mobile und Arcor, vier der Top Ten in Deutschland, bilden mittelständische und kleinere Unternehmen das Branchenrückgrat der Region. So ist etwa NetCologne deutschlandweit die größte regionale Telefongesellschaft mit eigenem Netz und Provider für Internet-Dienste. Ne­­ben der Stärke im Bereich Telekom­mu­nikation zeichnet sich die Region Köln/Bonn durch weitere Schwerpunkte wie DV-Software und -Dienstleistungen aus. Vor allem aus den Bereichen elektronische Unterneh­mens­­­­anwendungen, Soft­­­­ware­­­­­­­qualitäts­mana­gement, Telemedizin und Stream­ing Media sowie Compu­­ter­spiele sind in der Region wichtige Un­­ter­­nehmen vertreten. Hierzu zählen Business Ob­­­jects, Conet AG, Electronic Arts, First­gate, Pironet NDH und die SQS AG. Soft­­wareprodukte werden für unterschiedliche Anwendungsgebiete hergestellt. So gibt es sowohl marktführende Unter­nehmen im Bereich der Krankenhaus-Informationssysteme (KIS) als auch in der Geoinformatik. Die Diens­­t­leistungen setzen sich größtenteils aus Support- und Beratungs­dienst­leis­tun­gen zusammen. Neben den genannten Gebieten sind regionale ITK-Unter­neh­men aber auch noch in den Bereichen Inter­net­applikationen, Daten­bank­an­­wen­­­dungen, IT-Sicherheit, Biometrie, Mo­­bil­­funk, Branchensoftware sowie Aus- und Weiter­bildung tätig, um nur einige Bei­spiele zu nennen.

 

 




Der Ballungsraum Rheinland ist für Ansiedlungen der ITK-Branche hochaktuell.

Die IHK Bonn/Rhein-Sieg bietet mit Förderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) das Kompetenzzentrum für elektronischen Geschäftsverkehr (KompEC) an, das an­­bieter- und kostenneutral klein- und mittelständische Unternehmen in Fragen des E-Commerce und des E-Business berät. Für den ITK-Sektor hat sie das IT-Forum geschaffen, wo ITK-Unter­neh­­men in regelmäßigen Forums­ver­­­­an­stal­­tungen Informationen für Anbieter austauschen und Kontakte knüpfen können. Das IT-Forum der IHK Bonn/Rhein-Sieg nimmt dabei durch eine gezielte Kontaktpflege in der Region eine anerkannte Vermittlerrolle für Nachfrager und Anbieter von ITK-Dienst­­­leistungen ein. Darüber hinaus wir­­ken sich auch die Aktivitäten der bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg angesiedelten Initiative „secure-it.nrw.-2005“ des Landes NRW positiv auf die Region aus.

 

Die Region hat natürlich von der Pri­vatisierung von Post- und Telefon­dienst­leistungen profitiert. Die privatwirtschaftlichen Nachfolgeunternehmen der Deutschen Bundespost entwickelten sich zum Jobmotor in der Region und entfalteten zudem Bedarf nach ITK-Lösungen, die von technologieorientierten Unternehmen der ITK-Branche er­­bracht wurden. Das Wachstum der ITK-Branche hat somit seine Grundlage in der Zeit vor dem Umzugsbeschluss und ist nicht im Zusammenhang mit dem Hauptstadtentscheid zu erklären. Deutsche Telekom AG, Deutsche Post AG, T-Mobile AG sowie deren Tochter­unternehmen und kleine und mittlere Unternehmen der ITK-Branche sind als tragende Säule des Bonner Struktur­wandels zu bezeichnen. Der Struktur­wandel hat insbesondere seit 1995 in Bonn/Rhein-Sieg deutlich an Dynamik gewonnen. Wichtiger Treiber war die drit­­­­te Reformstufe zur Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes in Euro­pa, die mit der Auflösung des Bundes­­­­mi­nis­­teriums für Post und Tele­kom­mu­ni­kation zum 31. Dezember 1997 en­­de­­te. Damit korrespondiert diese Entwick­lung mit dem Anstieg des Dienst­leis­tungs­sek­tors seit 1991 um rund 25 Prozent. Ein wesentlicher Anteil der Dienst­leis­tungs­­unternehmen wurde in der ITK-Branche geschaffen. 64 Pro­zent aller heute bestehenden ITK-Unter­nehmen wurden nach 1990 gegründet.

Abgesehen von der heterogenen Fir­men­­struktur beeinflusst die Nähe zu politischen Entscheidungsträgern im ITK-Be­­reich die Region positiv. Im The­men­­bereich IT-Sicherheit gehört das Bun­des­­­­amt für Sicherheit in der Infor­mationstechnik (BSI) zu den wichtigsten Kompetenzträgern der Region und trägt durch seine mittelstandsorientier­ten Angebote und Initiativen zur Ent­wicklung der Region bei. Auch die in Bonn ansässige Bundesnetzagentur zählt unweigerlich zu den Impulsgebern für wettbewerbs- und verbraucherorien­tiertes Handeln in den ITK-Märkten. In Meckenheim hat sich gerade erst die BWI Informationstechnik GmbH angesiedelt, die bis Ende 2016 die gesamte nicht-militärische Informationstechnik (IT)- und Telekommunikations-Infra­struk­­tur der Bundeswehr auf den neuesten Stand bringen und betreiben soll. Die GmbH ist eine öffentlich-private Part­nerschaft zwischen dem Bun­des­­­mi­nis­terium der Verteidigung, das 49,9 Pro­zent der Anteile hält, und den privaten Partnern Siemens IT Solutions and Ser­­­vices (SIS) und IBM, die 50,1 Prozent der Anteile halten. Mit einem Auf­trags­wert von sieben Milliarden Euro bei einer Laufzeit von zehn Jahren ist das Projekt die größte „Public Private Partnership“ (PPP) in Europa.

All diese Aspekte zeigen, dass die Region Bonn/Rhein-Sieg auch nach der Hauptstadtentscheidung den Wandel zu einen richtungsweisenden Wissens- und Dienstleistungsregion geschafft hat und der Ballungsraum Rheinland einer der interessantesten Ansied­lungs­räume für ITK-Unternehmen in Europa darstellt.

 


PDF-Download


Unternehmensbeiträge:

TV-Loonland – Zeichentrick-Serien nicht nur für kleine Zuschauer
In Sachsen in der ersten Reihe
Wirtschaftsrecht in spezialisierter Umgebung
Basketball erobert Europa –bereits 51 Länder in FIBA Europe
CLUSTER LABS Lösungen für den IT- und den Industriemarkt

Autorenbeiträge:

Von Bonn in die Welt – Informationen aus deutscher und europäischer Perspektive
NRW-Schulen online: Weichenstellungen für die Bildung in der Internet-Ära
Region Bonn – Das Silicon Valley der Geoinformatik
Die Philipps-Universität auf dem Weg in die Informationsgesellschaft
Rückenwind für Unternehmensgründer