Claus-Peter Hutter

Der Autor wurde 1955 in Mar­bach am Neckar geboren und ist Dipl.-Verwaltungs­wirt (FH). Er leitet heute die Aka­demie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württem­berg. Auch als Präsident der Umweltstiftung NatureLife-In­­ternational und Ehrenpräsident der Um­­welt­stiftung Euro­natur setzt er sich für einen un­­­dogmatischen Umweltdialog der verschiede­­nen gesellschaftlichen Bereiche ein. Hutter ist Ehrensenator der Universität Hohenheim und Doktor ehrenhalber der Visayas State University (Philippinen).

Flächensparende Siedlungsentwicklung – Herausforderungen für die Standortsicherung

Städteplaner, Kommunal- und Landes­politiker sind sich mit Kli­maschützern und Landschaftsökologen darin selten einig, dass der Land­ver­brauch zu hoch ist und endlich eingedämmt werden muss. Doch wie kann dies in einem hochindustrialisierten Land wie Baden-Württemberg angesichts eines weiteren Zuzugs von Men­schen in den deutschen Südwesten re­­alisiert werden? Der Bedarf an Pro­duk­tions- und Ar­­beits­plätzen einhergehend mit dem Druck zur Ausweisung weiterer Siedlungs­flä­chen für den Wohnbau einerseits und die Erfordernis zur Ein­dämmung der Land­schaftsinan­spruch­nahme ist neben dem Klima­schutz, der Sicherung von Ar­­beits­plät­zen sowie der Bildungspolitik eine der größten Her­ausforderungen für Ent­scheidungsträger der verschiedenen po­­­­litischen Ebenen. Vor allem Städte und Gemeinden in Ballungsgebieten wie dem Mittleren Neck­arraum, den Regionen um Karls­ruhe oder Mannheim sind vor immense Herausforderungen gestellt.

 

 




Der etwas andere Spielplatz mit Hügeln
und Pfaden in Steinheim an der Murr

Angesichts eines ungebremsten Land­ver­brauchs, der gegenwärtig noch im­­mer 9,4 Hektar (2006) pro Tag beträgt, ist der Gemeindetag Baden-Württem­berg ebenso wie der Städtetag und der Landkreistag dem vom Umwelt­minis­terium initiierten und auch von der IHK sowie den Umwelt- und Heimat­ver­bän­den begleiteten Aktionsbündnis „Flä­chen gewinnen“ beigetreten. Im Rah­men einer nachhaltigen Entwicklung soll nach den Worten von Umwelt­mi­nisterin Tanja Gönner zunächst auf frei­williger Ebene der Innenentwicklung statt der Inanspruchnahme von Flächen auf der „grünen Wiese“ wo immer mög­lich der Vorzug gegeben werden. Eine ehrgeizige Zielvorgabe für die Frei­raumerhaltung hat Ministerpräsident Günther H. Oettinger im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie für Baden-Würt­temberg formuliert. Langfristig sei ei­­ne Netto-Null-Bilanz beim Flächen­ver­brauch anzustreben. „Nachhaltig ist für mich, wenn wir bei den Banken und der Natur keine neuen Schulden mehr machen“, so der Ministerpräsident. Noch vor wenigen Jahren hätten dies nicht einmal Öko-Aktivisten formuliert. Dies bedeutet für die Kommunen, dass nach Jahren der fast ungehemmten Ausweisung von Bauland endlich die Balance zwischen dem Flächenrecycling auf der einen Seite und der Neuin­an­spruchnahme von Land auf der anderen Seite gefunden werden muss. Nur so können Freiflächen als wertvolle grü­­ne Infrastruktur und Ausgleich zur grauen Infrastruktur wie Straßen, Ge­­werbe- und Industriegebiete erhalten werden. Dies hat letztlich auch etwas mit der ökologischen Standortsicherung und Zukunftsfähigkeit Baden-Württem­bergs zu tun. Doch wie können die weithin anerkannten Nachhaltigkeitsziele bei der Eindämmung des Flächenver­brauchs mit Leben erfüllt werden? Letztlich kann dies nämlich nur gelingen, wenn nicht nur die Gemeinden als Träger der Planungshoheit die entsprechenden Vor­gaben im Rahmen der Bauleitplanung definieren. Es bedarf auch überzeugter Unternehmer und Investoren, die bereit sind neue Wege zu gehen und innovative Konzepte einer attraktiven Reaktivierung von Brachen zu entwi­ckeln und im Dialog mit den Kommunen und den späteren Nutzern umzusetzen. Dass die Nachhaltigkeitsziele ei­­ner Balance zwischen Ökonomie und Ökologie sowie sozialen Aspekten ge­­rade durch die Reaktivierung innerörtlicher oder ortsnaher Gewerbebrachen realisiert werden können, zeigen unter anderem zukunftsweisende Beispiele aus der Region Stuttgart.

 

Attraktives Wohnen auf ehemaliger Gewerbebrache

In der 11.636 Einwohner zählenden Stadt Steinheim an der Murr (Kreis Ludwigsburg) befand sich auf dem A­­real einer ehemaligen, bereits in den 70er und 80er Jahren verfüllten Kies­grube eine wenig attraktive Gewer­be­fläche in Form von ungeordneten Bau­stofflagern sowie Abstellflächen für Bau­­maschinen und einem Depot von Wohnwagen und anderen Nutzungen. Nach dem Modell der Public Private Partnership, der Kooperation von öffentlicher Hand und Privatwirtschaft, entwickelte die Stadt Steinheim im Dialog mit der Ludwigsburger Fir­men­gruppe Strenger Bauen und Wohnen ein Modell, das die Reaktivierung der Fläche mit attraktiven Häusern und Woh­nungen zu einem auch für junge Familien attraktiven Preis zum Ziel hatte. Nachdem man mit dem Grund­stückseigentümer handelseinig wurde, wurde das inzwischen mehrfach bundes­­weit und international ausgezeichnete Projekt „Arkadien Steinheim“ kon­­zi­piert. Zwischen 2003 und 2007 entstanden 116 Häuser und 44 Eigen­tums­­wohnungen mit insgesamt 160 Wohneinheiten. Die Bruttofläche um­­fasste 55.000 Quadratmeter; das zur Verfügung stehende Nettobauland 40.000 Quadratmeter. Bei der Anlage achtete man auf einen hohen Anteil öffentlicher Flächen, auf denen unter anderem ein großzügig be­­messener See im Zentrum des Gebiets angelegt wur­de. Dieser bereichert nicht nur das Siedlungsbild, sondern lädt Erwach­sene wie Kinder zum Verweilen ein und ist zugleich Auffangbecken für das in offenen – und damit kostengünstig zu erstellenden – Wassergräben zugeführte Oberflächenwasser. Im Dia­log mit der Umweltakademie Baden-Würt­temberg ging man auch neue We­­ge bei der Gestaltung eines Kin­der­spiel­plat­zes. Dieser wurde nicht auf­wen­dig baulich gestaltet und mit den üblichen teuren Geräten ausgestattet, sondern als „Naturspielfläche“ an­­ge­legt. Unter­schiedlich geneigte Bö­­schun­gen, gro­ße Erd-, Kies- und Sand­haufen er­­gän­zen sich mit einer Klet­terwand, für die eine alte Betonmauer des früheren Bau­­stofflagers eine sinnvolle Verwen­dung fand. Hinzu kommen eine ab­­schir­men­de Bepflanzung mit hei­mi­schen, landschafts- und standort­ge­rechten Sträu­chern sowie zwei Fuß­balltore.

 

Binnen kürzester Zeit wurde dieser Spielplatz zu einer von den Kindern immer wieder umgestalteten Aktiv­flä­che, die dem Erfordernis nach Bewe­gung und kreativem Spiel und damit dem Aggressionsabbau bei Kindern weit mehr gerecht wird, als herkömmliche und weit kostenintensivere Spiel­plätze. Kosteneinsparung war auch das Stichwort bei der Erschlie­ßungs­planung. Diese wurde von der Firmen­gruppe Strenger ebenso vorgenommen wie die Konzeption des Bebauungs­planes und die Durchführung der Er­­schlie­ßungsarbeiten.

 

Erst nach Fertigstellung wurde die Er­schließung mit den Straßen und We­­gen und den kleinen, einladenden Plä­t­­­zen öffentlich gewidmet. Somit hat die Stadt Steinheim bei diesem Projekt eine Auf­wertung der Infrastruktur er­­halten, ohne gesondert Mittel für die Baulan­der­schlie­ßung bereitstellen zu müssen. Heu­­te leben in dem Gebiet Arkadien-Steinheim rund 60 Prozent junge Fa­­milien in kostengünstig errichteten Häu­­sern und Wohnungen sowie ältere Men­­schen in Mehrge­neration­en­wohnung­en.

 

Zustimmung fand das Projekt auch von Seiten des Umwelt- und Naturschutzes, da man konsequent auf natürliche, ge­­sunde Baumaterialien wie Kalkputze und Lasurfarben achtete. Außerdem wurden das Siedlungsbild bereichernde, offene Gräben mit entsprechender Bepflanzung einhergehend mit dem See, einer Brunnenanlage und idyllischen Sitzplätzen geschaffen. Neben dieser „ökologischen Grund­ausstat­tung“ wurden den Käufern optional weitere die Umwelt und das Klima schonende Bausteine angeboten. Dazu gehören So­­laranlagen – unter anderem auf einem Mehrfamilienhaus –, Holzpellets-Öfen, Zisternen und energiesparende Wintergärten.

 

Die Einbeziehung örtlicher und regionaler Handwerksbetriebe rundete das Projekt im Sinne einer regionalen Wert­schöpfung und damit Wirt­schafts­för­derung, Arbeitsplatzsicherung und Ener­­gieminimierung ab. In städtebaulicher Hinsicht wurden so im Sinne der Nach­haltigkeit ökologische, ökonomische und soziale Aspekte zu attraktiven Kondi­tionen für die Kommune und akzeptable Preise für die Käufer verwirklicht. Zugleich entstand ein neues Stück Hei­mat im Übergangsbereich zwischen dem hoch verdichteten Siedlungsraum um Ludwigsburg und dem landschaftlich reizvollen Bottwartal.

 

Beflügelt vom großen Zuspruch seitens der künftigen Haus- und Wohnungs­besitzer, der Kommune, der Behör­­­den und der Umweltschützer hat die Fir­mengruppe Strenger im Dialog mit der Stadt Win­nenden (Rems-Murr-Kreis) ein weiteres „Arkadien-Projekt“ entwi­ckelt.

 

Im Bereich der Zipfelbachaue entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen Fer­­tighausfirma eine neue Wohnsied­lung. Bei einer Gesamtfläche von 5,7 Hektar werden 3,7 Hektar bebaut.

 

Damit ist nach Realisierung des Pro­jekts weniger Fläche versiegelt als ge­­genwärtig; zugleich wird der zuvor ein­­fließende Zipfelbach mit seinem begleitenden Grün hervorgehoben und als Lebens- und Erlebnisachse aufgewertet. Insgesamt entstehen 180 Wohn­ein­heiten verteilt auf 90 Häuser und 90 Mehrfamilien-Wohnhäuser.

 

Attraktive Arbeitsplätze statt Abbruch

Die gewerbliche Wieder-Inwertsetzung eines äußerst desolaten Brachareals steht im Mittelpunkt eines noch immer im Prozess befindlichen Projekts in der Ludwigsburger Weststadt. Dort hat sich im Dialog mit der Ludwigsburger Stadtverwaltung Un­­ter­nehmer Max Maier seit Anfang der 90er Jahre zum Ziel gesetzt, Flächen zu reaktivieren und eine Mischnutzung unterschiedlicher Gewerbenutzungen, Freizeit­ak­ti­vi­täten und Kunstevents Wirklichkeit werden zu lassen.

 

 




Steinheim an der Murr:
Siedlungsprojekt mit See auf ehemaliger Gewerbebrache

So entstand auf 100.000 Quadrat­me­tern Gewerbebrache das „Werkzentrum West“. Es stellt unter Beweis, dass für die Schaffung von Standorten sowohl für produzierendes Gewerbe als auch für den Dienstleistungssektor keinesfalls immer neue Flächen mit teuren Folgekosten und nicht abwägbaren Ri­­siken für die Kommunen auf der grünen Wiese erschlossen werden müssen. Maier verfolgt dabei konsequent seine Philosophie, nur so viel an vorhandener Industrie-Bausubstanz zu ändern wie unbedingt nötig. Auf diese Weise entsteht sukzessive ei­­ne neue Mischung aus bewusst sichtbar belassener Industriearchitektur und modernen Zweckbauten. Bislang wurden 10.000 Quadratmeter Nutzfläche durch neue Gebäude ersetzt. Vor rund 18 Jahren gab es hier bei abnehmender Tendenz gerade noch zwei Firmen mit insgesamt 200 Mita­rbeitern. Heute sind es 20 Fir­men mit 600 Mitarbeitern. Dazu gehören die Küchen­gerä­tepro­duktion von Maiers Firma Eisfink, mehrere Großhandels­unternehmen, Firmen die sich der Pro­jektbetreuung verschrieben haben, Wer­­bedesign, Ar­­­chi­tektur, Gewer­befo­to­gra­­fie und Me­­dien­produktion sowie mehrere gastronomische Einrichtungen einschließlich einer Diskothek. Die Ge­­fahr einer Ge­­wer­bebrache konnte so er­­folgreich ge­­bannt werden.

 

Dass sich das Gesamt-Investitions­vo­lumen von über 100 Milionen Euro ge­­lohnt hat, zeigt die Tatsache, dass Un­­­ternehmer Max Maier nicht nur eine weitere Verdichtung plant, sondern mit einem neuartigen Energiekonzept, welches moderne Technologien ebenso wie nachwachsende Rohstoffe berücksichtigt, Zeichen in Sachen Nach­hal­tig­keit setzen will. Für ihn ist dabei Stadtentwick­lung mehr als Architektur. Er hat sich energieeffizienten Konzepten verschrie­ben und sieht dies am ehesten verwirklichbar, wenn alte Bau­substanz nicht einfach mit der Raupe platt gemacht, sondern sinnvoll integriert und mit neu­­en Konzepten kombiniert wird.

 

Die Zeit auf der grünen Wiese immer weiter Land in Anspruch zu nehmen und Fläche zu versiegeln sei vorbei, meint Unternehmer Max Maier.

 

 




Reaktiviert und kultiviert:
„Werkzentrum West“, Ludwigsburg

Neue Herausforderungen für den Ausgleich zwischen Stadt und Land

Haben die Kommunen in Ballungs­räu­men noch die Möglichkeit, durch Flä­chenrecycling Innenentwicklung wahrzunehmen, so gilt es auch im ländlichen Raum gegenzusteuern. Angesichts der demografischen Entwicklung ist näm­lich zwischen den Gemeinden längst ein Kampf um Einwohner und damit Anteilen an der Einkom­mens­steu­er und um Gewerbesteuer entbrannt. Und so werden noch immer – trotz besseren Wissens – Gewerbe- und Wohn­gebiete ausgewiesen, ob­­wohl die Lasten absehbar sind und der ökonomische Nutzen nur von kurzer Zeit ist. Dringend gilt es, Instrumentarien des Pla­nungs­rechts und des Steuerrechts zu entwi­ckeln, welche die ökologischen Leis­tungen der Kommunen im ländlichen Raum als Beitrag für die grüne Infra­struktur des Landes quasi als Ausgleich zu den grauen Infrastrukturmaßnahmen im städtischen Raum belohnen. Nur so kann letztlich der weitere Ausverkauf der Landschaft mit unabsehbaren – nicht mehr finanzierbaren – Folgen für Staat und Gesellschaft vermieden werden.


PDF-Download


Unternehmensbeiträge:

Wir setzen Maßstäbe
Liegenschaftsfonds Berlin: Vermarkter mit Gestaltungsanspruch
Wir setzen Maßstäbe
Bremen 2020 –Grünes Kompetenzzentrum des Nordens

Autorenbeiträge:

Passivhaussiedlung im Neubaugebiet Sonnenfeld
Gestalt und Kraftfluss gehören zusammen wie Wasser und Gefäß
Ein neues historisches Museum für die „Kulturmeile“ Wilhelmstraße 
Passivhaussiedlung im Neubaugebiet Sonnenfeld
Nachhaltiges Bauen für Generationen