Klaus Marschall

Der 1961 geborene Autor ist Theaterlei­ter und Mitinhaber der Augs­bur­ger Pup­pen­kiste. Seit 1992 zeichnet Marschall, der bereits mit zwölf Jahren als Puppen­spieler wirkte, als Theater­leiter für die Puppen­kiste verantwortlich. Seit 1948 wurden in dem Mario­nettenheater fast 19.000 Vorstel­lun­gen für über vier Mil­­lionen Zu­­schauer gegeben. Seit 1953 ist die Puppenkiste auch bundesweit im Fern­­sehen präsent.

Irgendwo zwischen Titiwu und Lummerland



Don Blech und seine Blech­büchsenarmee.

Die Metropolregion München überwältigt durch die Vielschichtigkeit der An­­gebote an Kunst und Kultur. Neben Theater und Opernhäuser von internationalem Rang stehen Bühnen und Theater, deren Kunst Ansehen genießt. Aus diesem großen Reigen der kleineren Bühnen ragt ein Kleinod deutlich heraus, ein Kleinod, das sich seit Jahr­­zehnten bundesweit ein Millionenpu­b­li­kum erspielt hat.

In der Tat: Es gibt in Deutschland nur wenige Kinder und noch weniger Er­­wach­­sene, die sie nicht kennen: das auf dem Eiland Titiwu zappelnde Dinosau­rier-Baby „Urmel“ und seine Pflege­ma­ma, die Sau „Wutz“, oder etwa die kleine Insel „Lummerland“ und ihre Millionen Menschen bekannten Bewohner „Jim Knopf“ oder „Lukas“ der Lokomotivfüh­rer. Und dies sind nur die bekanntesten der berühmten Schau­­spiel-Prota­gonisten der Augsburger Puppenkiste, des bekanntesten deutschen Marionet­tentheaters.

 

 

 




Kleiner König Kalle Wirsch
am See der Finsternis.

Das 1943 von Walter Oehmichen und seiner Familie als „Puppenschrein“ ge­­gründete Marionettentheater führte die Familie nach dem Krieg 1948 als Augs­­burger Puppenkiste weiter.

Gespielt wurden klassische Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm, nach Wilhelm Hauff und aus Tausend­undeine Nacht von zumeist ausgebilde­ten Schauspielern. In den 60er Jah­­ren kamen die bekannten Geschichten Ot­­fried Preußlers auf den Spielplan. Der Räuber Hotzenplotz (1966) wur­de das beliebteste Stück des Theaters. Und auch Die kleine Hexe (1971) wird seit ihrer Erstinszenierung unverändert gespielt.

Doch die Augsburger Puppenkiste ist nicht nur auf Kinder- und Jugendstoffe konzentriert. Oehmichen, der auch am Stadttheater Augsburg als Spielleiter tätig war, erreichte 1951 mit der an­­spruchsvollen Inszenierung des Klei­nen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry den Durchbruch für das Theater.

Gehobener Stoff ist auch Bertolt Brechts Dreigroschenoper, die 1960 erstmalig aufgeführt wurde, oder Friedrich Dür­­ren­­matts Der Prozess um des Esels Schatten. Selbst Mozart-Opern wurden zur Vorlage für Inszenierungen der sin­­genden Schauspieler von der Pup­pen­kiste. Ob Die Zauberflöte oder Die Ent­führung aus dem Serail, die Auffüh­run­gen waren auch ohne die gestrichenen großen Arien erfolgreich. Zum Mozart­jahr 2006 inszenierte die Augsburger Puppenkiste den klassischen Stoff des Don Giovanni als Don Giovanni und der steinerne Gast.
In die Rolle des Dieners von Don Gio­vanni schlüpfte der Kasperl der Pup­pen­kiste und gab dem Stück den ihm eigenen Witz.




Kater Mikesch
und seine Freunde (1985)..

Szene aus der Löwe-Trilogie nach Max Kruse, Drehbuch von Manfred Jenning.

Beliebt bei Jung und Alt:
Fernsehproduktion „Urmel aus dem Eis“.



Den Rang des nationalen Kulturgutes gewann die Augsburger Puppenkiste durch die bundesweite Übertragung der Stücke im öffentlich-rechtlichen Fern­sehen. Am 21. Januar 1953 spielten die Puppenspieler der Puppenkiste im Ham­burger Bunker des NWDR Peter und der Wolf für eine Liveübertragung – der Be­­ginn einer bis heute anhaltenden Er­­folgsgeschichte. Die Aufzeichnungen er­­folgten später mal beim Bayerischen Rundfunk, mal beim Hessischen Rund­funk. Manfred Jenning, der Hausautor der Puppenkiste, entwickelte die Mehr­teiler für das Fernsehen. Schon aufgrund des enormen technischen Aufwands und des steigenden Bedarfs nach Fortset­zungsgeschichten im Fernsehen wurden die Bühneninszenierungen von den Fern­­sehstücken schon früh abgekoppelt.

Zu den ersten großen „Stars an Fäden“ zählten – noch als Schwarzweißfilme produziert – Die Muminfamilie (1959/60, zwei Staffeln), Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (1961/62, zwei Staffeln, Neuverfilmung in Farbe 1976), Der kleine dicke Ritter (1963), Klecksi, der Tintenfisch (1963), von dem leichtsinnigerweise fast alles vernichtet wurde, und der Kater Mikesch (1964). Pro­du­ziert wurde seit 1954, abgesehen von einem kurzen Zwischenspiel beim Bay­erischen Rundfunk (1956–1958), mit dem Hessischen Rundfunk.

Ab 1965 gab es die Puppenkiste im Fern­­sehen auch in Farbe: Eine der bekanntesten und beliebtesten Produktionen dieser Zeit war Urmel aus dem Eis (1969). Aber auch die Löwe-Trilogie (1965–1967) sowie der Räuber Hotzenplotz (1967) und Bill Bo (1968) erfreuten die Zu­­schauer. Zu einem der meistverfilmten Autoren wurde Max Kruse. Er lieferte nicht nur die Vorlagen zu Der Löwe ist los, Kommt ein Löwe geflogen und Gut gebrüllt, Löwe sowie zu einer weiteren Urmelverfilmung: Urmel spielt im Schloss (1974), sondern auch zu Don Blech und der goldene Junker (1973) und dem Wild­­west-Abenteuer Lord Schmetter­hemd (1978).

Die Drehbücher zu diesen Fernseher­fol­gen lieferte der 1979 verstorbene Man­fred Jenning.

Die großen Erfolge der 60er und 70er Jahre konnten auch nach der Einfüh­rung des privaten Fernsehens und dem da­­mit einhergehenden Wandel der Fern­seh-Programmkultur fortgesetzt werden.
1997 schaffte die Augsburger Puppen­kiste mit Die Story von Monty Spinner­ratz des amerikanischen Kinderbuch­autors Tor Seidler erfolgreich den Sprung auf die Kinoleinwand. Etwa 1.000.000 Kinobesucher erlebten mit, wie (Ratten-)Marionetten und Menschen zusammen in der New Yorker Hafen- und Unterwelt agierten. Der Film wurde mit dem Bay­e­­rischen Filmpreis als bester Kinderfilm ausgezeichnet.

2005/2006 ging der „Schlaubär Ralphi“ für den Wissenskanal BR-alpha auf Er­­kundungstour und hilft seitdem dabei, verschiedenste Themen kindgerecht aufzubereiten.

Längst gehört zur Augsburger Puppen­kiste, der man den Rang eines nationalen Kulturguts einräumen darf, ein auf 570 Quadratmetern ausgedehntes Pup­­pentheatermuseum mit entsprechen­­der Museumspädagogik. Das Mu­­seum „die Kiste“ ist, analog zum Erfolg des The­­aters, inzwischen das erfolgreichste Pup­­pentheatermuseum des Konti­nents.

Die Puppenkiste gehört nicht nur zur Stadt Augsburg und zur Metropolre­gion München – sie ist aus der bundesweiten Welt der Bühnen und Schauspiel­häu­ser sowie dem Fernsehen heute nicht mehr wegzudenken.


 

 

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