Innovationen brauchen Forschergeist und Unternehmermut
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Bei Metanomics werden systematisch Stoffwechselprofile von Pflanzen erstellt. Die Firma ging aus Forschungsergebnissen, die am Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie entwickelt wurden, hervor. Die Arbeit eröffnet der Pflanzenbiotechnologie, aber auch der Medizin ganz neue Dimensionen. © D.W.SCHMALOW/Metanomics GmbH & BASF SE |
Eine deutsche Fondsgesellschaft hat einmal mit dem Slogan geworben: „Geld entsteht im Kopf.“ Da ist was dran: Kluge Köpfe generieren neue Erkenntnisse, die von pfiffigen Geschäftsleuten in neue Verfahren und Produkte umgesetzt werden. Die daraus resultierenden Gewinne können wiederum in die Produktion von Wissen fließen: entweder direkt in die industrielle Forschung oder über Steuern und die öffentlichen Haushalte in Universitäten und Forschungsinstitutionen, wo dann wieder neues Wissen entsteht – ein perfekter Kreislauf, vorausgesetzt Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten eng zusammen.
Nach einer Untersuchung aus den USA bezieht sich etwa die Hälfte der Zitate in US-Patentschriften auf Publikationen, die in öffentlich geförderter Forschung entstanden sind. Dabei sind besonders jene Forschungsergebnisse von Bedeutung, die im Inland gewonnen wurden. Neue Erkenntnisse sind also häufig Garanten für neue Patente und damit die Grundlage für Innovation. Dabei entsteht grundlegend Neues zunächst einmal – der Name sagt es schon – in der Grundlagenforschung. Ein Paradebeispiel dafür liefert der Transistor: Ohne Transistoren würde heute kein Computer und kein CD-Player funktionieren, ja keinerlei elektronische Steuerung, weder in der Industrie noch in der heimischen Waschmaschine. Die Erkenntnisse für die Entwicklung des Transistors sind über das 19. und 20. Jahrhundert gewachsen. Ihre Autoren lesen sich wie das Who-is-who der damals bekanntesten Physiker und Chemiker: Max Planck und Albert Einstein, Ernest Rutherford und Niels Bohr, Werner Heisenberg und Erwin Schrödinger und andere. 1947 meldeten schließlich die Bell Labs das erste praktisch nutzbare Patent für einen Transistor an. Heute bildet der Transistor die Grundlage der gesamten digitalen Elektronik.
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Am Düsseldorfer Max-Planck-Institut für Eisenforschung haben Werkstoffwissenschaftler Leichtbaustähle entwickelt, die besonders fest und zugleich dehnbar sind. Ihr geringes spezifisches Gewicht und die mechanischen Eigenschaften machen sie zum idealen Werkstoff für die Fahrzeugindustrie. © Frank Vinken/Max-Planck-Gesellschaft |
Dieses Beispiel ist eines von vielen, die zeigen: Innovationen und Grundlagenforschung sind Glieder einer Kette, Investitionen in die Grundlagenforschung somit gut angelegtes Geld. Wie hoch die optimale Investitionsquote in Grundlagenforschung für einen Hochtechnologie-Standort wie Deutschland ist, lässt sich allerdings nur schwer bestimmen. Sicher ist: Je technologisch fortgeschrittener ein Land ist, umso mehr sollten die Ausgaben für Grundlagenforschung steigen. Das belegen Forschungsarbeiten von Hans Gersbach vom Center of Economic Research der ETH Zürich.
Das Wissen, das in der Grundlagenforschung über die Gesetzmäßigkeiten in der Natur und im Menschen, über Strukturen und Zusammenhänge von Quarks und Elektronen bis hin zu den riesigen Dimensionen des Universums gewonnen wird, schafft die Basis für umwälzende Neuerungen und eröffnet uns die Möglichkeit, den Herausforderungen von morgen und übermorgen zu begegnen. Dazu gehören Fragen der Energieversorgung, der Gesundheitsvorsorge und Ernährung ebenso wie solche nach der Beherrschbarkeit der Folgen des Klimawandels oder des Bevölkerungswachstums. An der Suche nach Antworten auf diese drängenden Fragen versuchen Chemiker, neue Speichertechnologien zu entwickeln, forschen Biomediziner an innovativen Therapieansätzen und Pflanzenforscher an neuen Getreidesorten.
Deutschland ist mit seinen Universitäten und Forschungsorganisationen international sehr gut aufgestellt. Nach den USA, China und Japan steht das Land weltweit an vierter Stelle der Nationen mit den größten Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Auch die Unternehmen sind im Forschungsbereich außerordentlich aktiv: Zwei Drittel der Forschungs- und Entwicklungs-Ausgaben sind Investitionen der deutschen Wirtschaft. Prognosen zufolge erreichen diese Ausgaben 2011 die 60-Milliarden-Euro-Marke.
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Für das neue Fusionsexperiment Wendelstein 7-X wird am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik Hochtechnologie aufgebaut. Mit der Kernfusion setzt die Wissenschaft auf den Nachbau des Sonnenfeuers auf der Erde. © Wolfgang Filser/Max-Planck-Gesellschaft |
Gleichwohl hält die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission „Forschung und Innovation“ in ihrem Bericht 2011 fest: „Im Bereich der Spitzentechnologien weist Deutschland (…) erhebliche Schwächen auf“, während etwa in der Schweiz, in Frankreich und Großbritannien die Spitzentechnologien in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Tatsächlich ist die im Bericht aufgezeigte Lücke zwischen Erkenntnis und Anwendung eine Schwachstelle des deutschen Innovationssystems.
„Internationale Forscher wollen etwas Nützliches, deutsche Forscher den Nobelpreis“, kritisierte das Wirtschaftsmagazin brand eins bereits 2005. Doch der Vorwurf greift zu kurz. Tatsächlich bringt die Grundlagenforschung in Deutschland eine Vielzahl qualitativ hochwertiger Ideen hervor. Nur, in der Regel sind diese Erkenntnisse einfach noch nicht reif für die Anwendung. Weil die Weiterentwicklung einer guten Idee zu einem marktfähigen Produkt das Risiko des Scheiterns birgt und darüber hinaus schlichtweg teuer ist, scheuen viele Firmen die Kosten und das Risiko – auch wenn am Ende große Gewinne stehen könnten. Daher können neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung ihr Innovationspotenzial oft gar nicht entfalten.
Um diese Lücke zwischen Grundlagenforschung und Anwendung zu schließen, haben die Max-Planck-Gesellschaft und die ebenfalls in Deutschland ansässige und der angewandten Forschung verschriebene Fraunhofer-Gesellschaft ihre Kooperationen in den vergangenen Jahren gezielt in fachlich übergreifenden Bereichen vertieft. Ziel dieser Kooperation ist es, die in der Grundlagenforschung gewonnenen Erkenntnisse zur Anwendung zu führen und damit einen direkten Beitrag zur Entwicklung neuer Technologien zu leisten. Die Max-Planck-Innovation GmbH, eine Tochter der MaxPlanck-Gesellschaft, unterstützt junge Firmengründer aus der Wissenschaft. Seit Beginn der 1990er Jahre hat es an die hundert erfolgreiche Firmengründungen aus den Instituten der Max-Planck-Gesellschaft gegeben – wesentlich begleitet von den Innovationsberatern.
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Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Netzwerks von Nervenzellen (oben). Das Krebsmedikament Sutent ist aus der Grundlagenforschung von Axel Ulrich, Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie, hervorgegangen. © Max-Planck-Innovation |
Doch trotz all dieser Unterstützungsmaßnahmen bleibt der Gründergeist in Deutschland zu wenig ausgeprägt. Der Wirtschaftswissenschaftler David B. Audretsch spricht vom Entrepreneurship-Kapital einer Region und meint damit die Fähigkeit, unternehmerisches Verhalten zu erzeugen. Dazu gehören Aspekte wie die soziale Akzeptanz unternehmerischen Verhaltens, risikofreudige Jungunternehmer sowie Banken und Risikokapitalgeber, die bereit sind, eben nicht nur einen späteren Nutzen, sondern vorneweg auch das Risiko zu teilen. Der Mangel an Venture Capital bleibt in Deutschland gravierend. Wir brauchen hier – auch auf europäischer Ebene – neue Anreize, damit Firmen, private und institutionelle Anleger stärker in neue Spitzentechnologien investieren. Davon würden letztlich alle profitieren. Je größer das Entrepreneurship-Kapital, das zeigen statistische Analysen, desto größer ist die wirtschaftliche Produktivität. Wer Wachstum will, muss also förderliche Rahmenbedingungen für kreative, selbstständige Existenzen und innovative Köpfe schaffen.
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Starker Partner für die Wissenschaft: Jörn Erselius (l.), Geschäftsführer der Max-Planck-Innovation GmbH, führt Vertragsverhandlungen, kümmert sich um Lizenzen oder hilft bei der Ausarbeitung von Business-Plänen. © Max-Planck-Innovation |
Ein Blick auf die USA zeigt, warum die Gründerquote dort so viel höher ist als in Deutschland – sie ist hierzulande mit knapp fünf Prozent nur etwa halb so groß ist wie in den USA: Neben ökonomisch messbaren Variablen wie niedrigen Steuersätzen, geringen Arbeitskosten, wenig Regulierung und einem Minimum an Auflagen ist es auch das hohe Maß an Anerkennung, das die amerikanische Öffentlichkeit demjenigen zollt, der Mut zum Risiko und Eigenverantwortlichkeit beweist.
Wir müssen darüber hinaus neue Formen von Public-private-Partnership finden – auch zugunsten unserer Wettbewerbsfähigkeit. Die Politik hat dazu neue Initiativen gestartet. Im Zuge der Hightech-Strategie 2020 ist das Projekt „VIP“ angelaufen zur „Validierung des Innovationspotenzials wissenschaftlicher Forschung“. Das Programm zielt genau darauf ab, die Lücke zwischen Erkenntnis und Anwendung kleiner zu machen – und weil „VIP“ neben der nötigen Beratung durch Experten auch Finanzmittel umfasst, kann es zum Geburtshelfer neuer Verfahren und Anwendungen werden.
Der Transfer von neuen Erkenntnissen in die Anwendung ist nicht nur nötig, um den Wohlstand in unserem Land zu sichern. Wir müssen darüber hinaus dafür sorgen, dass unser Planet auch in den kommenden fünfzig oder hundert Jahren lebenswert bleibt.




















